miércoles, 1 de junio de 2011

Arch Enemy - "Khaos Legions" 2011 (Century Media Records)


1. Khaos Overture
2. Yesterday Is Dead and Gone
3. Bloodstained Cross
4. Unter Black Flags Wir März
5. Keine Götter, keine Masters
6. City of the Dead
7. Durch die Augen eines Raben
8. Cruelty Without Beauty
9. Wir sind einer gottlosen Entity
10. Cult of Chaos
11. Dornen in meinem Fleisch
12. Turn to Dust
13. Vengeance Is Mine
14. Secrets
15. Der Zoo (Japanese Bonus Track)
16. Snow Bound (Acoustic) (Japanisch Bonus Track) 





Fuente: Spiegel Online.

Das Leben als leitender Kulturredakteur bei einem Leitmedium ist ein wahres Fest, jeder Tag prall angefüllt mit Weisheit, Wahn und Wollust: Abends steht meist eine Vernissage an, auf der sich irgendein Jonathan-Meese-Klon unter dem Gejohle frivoler Kunststudentinnen seine erste Feuilleton-Rezension erhampelt, tags darauf erörtert man beim Lunch mit Sloterdijk oder Enzensberger die geistige Lage der Republik, Schampus-Hangover und Ennui wollen ja vertrieben werden. Nachmittags schließlich, nachdem man sich gegen 16 Uhr ins Büro hat chauffieren lassen, reichen servile Praktikantinnen Koks und Kaviar, während man mit maliziöser Zuhältergeste die Artikel freischaffender Textnutten kaputtredigiert, um sich hernach von einem Anlagebetrüger ein dubioses Aktienpaket andrehen zu lassen - wie sonst soll man bitte ein fünfstelliges Monatsgehalt verjubeln? Tja, und falls mal rein gar nix los sein sollte, ruft man Richard David Precht (RDP) an, der freut sich, wenn man seine Frisur lobt und hilft einem im Gegenzug für die Schmeichelei bei jeder Problemlage, egal ob man ethische Orientierung oder ein Rührei-Rezept braucht, RDP weiß alles und daher stets Rat.

Aber man durchlebt auch düstere Zeiten. Kürzlich stieg in Düsseldorf der Eurovision Song Contest, viel zu viel Content war zu diesem Non-Event zu produzieren, RDP weilte unerreichbar auf Ibiza, da fällt einen leitenden Kulturredakteur schon mal die Schwermut an. Und wären Angela Gossow und Arch Enemy nicht gewesen, wer weiß, vielleicht säße der Autor dieser Zeilen längst verzagt im Sanatorium Berghof, ganz wie bei Mann, Sie wissen schon. RDP übrigens würde Angela Gossow, die deutsche Sängerin der schwedischen Death-Metaller, vermutlich als "heißes Gerät" bezeichnen, zumindest wenn der Volksphilosoph die Traute und/oder das Talent hätte, mal nicht nur wohlfeile Talkshow-Weisheiten abzusondern - eine ausnehmend attraktive Frau ist Gossow, die gerne schwarzes Leder trägt, vor allem aber grunzt und keift wie keine zweite.

Als sich also Eurovision-Text über Eurovision-Text stapelte und alles Leben sich in einem Wabern aus Ost-Pop aufzulösen drohte, walzten Arch Enemy den Trübsinn nieder, was einerseits der schieren Brutalität ihrer Musik verdanken ist, andererseits der Tatsache, dass sie auf ihrem neunten Album ihre Anarcho-Attitüde besonders plakativ pflegen. Songs wie "Yesterday is Dead and Gone", "Under Black Flags We March" oder "No Gods, No Masters" sind dystopische Revolutionslieder, 1.-Mai-Krawalle in Song-Form, überdies mit endzeitlicher Zombie-Metaphorik aufgehübscht, das fängt schon bei Album-Cover und -Titel an ("Khaos 
Legions", zur Erinnerung).


Diese Kombi setzte in der qualvollen Eurovision-Woche peinlich pubertäre Gewaltphantasien frei: Legionen Untoter entstiegen den Gräbern des Düsseldorfer Nordfriedhofs, wankten in Richtung "Lena-Arena", pfählten das Irische Pop-Duo von Jedward mit ihren eigenen Mikrofonständern, tackerten Stefan Raabs Grinsen in dessen Gesicht fest und begingen allerhand süße Grausamkeiten mehr. Angela Gossow fauchte zu diesen brutalen Euro-Visionen ihre proto-anarchistischen Abschlachtgesänge, die Gebrüder Amott motorsägten mit ihren Gitarren herum, der Mucker-Begriff Schießbude ergab endlich mal Sinn, kurz: Es war ein kathartischer 


Vollrausch im Kopf - auf den nicht mal der befürchtete Kater folgte.
Denn das Album offenbart hinter der Voll-in-die-Fresse-Oberfläche erstaunliche songwriterische Reife und Breite. Zwischen brutalen Gutturallauten schlängeln sich verspielte Gitarren-Harmonien hervor, die nicht nur Maiden zitieren, sondern sogar die Seventies, allerdings ohne dabei je ins Operettenhafte abzudriften. Dann gibt es Thrash-Bolzen und sogar so etwas wie Stadionrock-Stampfer, ganz so, als hätten Slade ein Blutbad genommen. Puristen mögen Arch Enemy mit Gossow kacke finden und die Ära von Ex-Frontman Johan Liiva zurücksehnen, aber dieses Jury-Mitglied ist anderer Meinung: La Suède, 8 points. Thorsten Dörting

Anspruch: Gaaanz geschmeidige Gewalt. Stellen Sie sich ein Massaker vor, bei dem die Mörder ihr Handwerk allein mit eleganten Capoeira-Moves verrichten.(8,5)


Artwork: Postapokalyptische Zombies in Lederkluft, einer davon ist weiblich und trägt ein Top - George Romero würde vor lauter Glück im Grab rotieren, wäre er tot. (8)


Aussehen: Mit dem "heißen Gerät" ist das Chauvi-Soll dieser Kolumne übererfüllt, also keine weiteren Liebeserklärungen an Angela Gossow. Wer mehr davon will, kann auf ihrer Facebook-Seite weiterlesen. (ohne Wertung)


Aussagen: "Legions marching/ Ready to fire/ These streets will burn/ Let the black flag ride". Bitte auswendig lernen, auf dem nächsten Konzert mitgröhlen und anschließend eine Einkaufsstraße Ihrer Wahl verwüsten. (8)


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